Das gallische Dorf des Tischtennissports: Florian Bluhm

Veröffentlicht am 28.03.2026 im Bereich Aktuelles
Ein Star quasi zum Anfassen, so weit spielt er oft vom Tisch entfernt: Florian Bluhm (Foto: MS)

Im Zeitalter des Power-Tischtennis ist Florian Bluhm ein Widerständler: ein Abwehrspieler, der dem Angriffstrend trotzt – wie das gallische Dorf aus den Asterix-Comics gegen die Übermacht der Römer. Zu den Deutschen TT-Finals nach Erfurt (4. – 7. Juni) reist der 29-jährige gebürtige Karlsruher in Diensten des 1. FC Köln mit einem leisen Medaillenwunsch.

Erfurt/DTTB. Wer heute in der Tischtennis-Weltspitze bestehen will, greift an – früh, hart, kompromisslos. Auch Defensivasse wie die dreifache Europe-Top-16-Gewinnerin und Deutsche Einzel-Meisterin von 2018, Ying Han, haben längst zahlreiche Angriffsschläge im Repertoire. Das Ziel: Gegner oder Gegnerin soll sich niemals sicher fühlen und am besten nie in den Rhythmus finden.

Einer, der sich diesem Trend ein bisschen entgegenstellt, ist Florian Bluhm. Zwar kann der 29-jährige vom Zweitligisten 1. FC Köln angreifen, er tut es aber nur selten. Er verteidigt und ist ein klassischer Abwehrspieler auf höchstem Niveau. Und zwar so, dass es spektakulär ist. Wenn sich irgendwo bei einem Tischtennisturnier eine begeisterte Menschentraube bildet, ist nicht selten Bluhm einer der Akteure am Tisch. Bei den Deutschen Meisterschaften in Saarbrücken 2022 etwa nahm Florian Bluhm dem Weltranglisten-Zwölften Benedikt Duda zwei Sätze ab und sorgte reihenweise für grandiose Endlosballwechsel.

Letzter Widerstand gegen die Übermacht des modernen Power-Tischtennis

Dass er ausweglos scheinende Situationen meistert, ist eines seiner Markenzeichen. „Er rennt, er kämpft – und bringt Bälle zurück, die nicht nur die Zuschauer, sondern auch seine Kontrahenten regelmäßig ins Staunen versetzen“, schrieb die Tageszeitung „Luxemburger Wort“ über ihn. „Florian Bluhm ist im modernen Tischtennis so etwas wie das gallische Dorf, der berühmte Ort aus den Asterix-Comics, der als einziger in ganz Gallien nicht von den Römern besetzt werden konnte.“ Bluhm sei der letzte Widerstand gegen die Übermacht des modernen Power-Tischtennis.

„Es gibt insgesamt wenige Spieler, die heute noch Abwehr spielen. Die meisten von ihnen spielen auf der Vorhand hauptsächlich Angriff“, so Bluhm. „Somit bin ich mit meiner Spielweise eine Ausnahme und versuche trotzdem so gut es geht meine Gegner zu ärgern. Ob mir das so gut gelingt wie den Galliern bei Asterix und Obelix soll jeder für selbst entscheiden. Aber der Vergleich ehrt mich natürlich.“ Aber auch er setzt zunehmen auf Variabilität. „Um effektiver stören zu können, arbeite ich vor allem noch an meiner Vorhand“, sagt er.

Spektakel aus der zweiten Reihe

Was Bluhm auszeichnet, ist nicht der schnelle Punkt, sondern der lange. Ballwechsel, die sich ziehen, zu kippen drohen und dann doch nicht enden wie erwartet. Seine Spezialität: scheinbar verlorene Rallyes noch einmal zu drehen. „Lange, abwechslungsreiche Ballwechsel interessieren die Leute einfach“, sagt er selbst. Seine Videos erreichen auf YouTube regelmäßig fünfstellige Klickzahlen. Das DM-Halbfinale gegen Benedikt Duda wurde sogar über 100.000 Mal aufgerufen.

Entsprechend fliegen ihm auch die Sympathien der Live-Zuschauer zu, ob im In- oder Ausland. Beispiel Universiade 2019 in Neapel: Jeder seiner Punktgewinne sorgte für einen frenetischen, italienisch-deutschen Jubel. Egal, wo er spielt – Bluhm liefert nicht nur Leistung, sondern produziert Emotionen.

Mentalitätsmonster mit System

Hinter der spektakulären Oberfläche steckt ein klar strukturiertes Spiel. „Florian spielt unglaublich sicher, extrem ruhig und überlegt und kann sich auf unterschiedliche Gegner hervorragend einstellen“, beschreibt ihn DTTB-Sportvorstand Richard Prause. „Er liest das Spiel seines Gegners und hat die Geduld, zur Not auch sehr lange auf den richtigen Moment zu warten. Außerdem sucht er immer die Herausforderung. Zum einen entwickelt er sein Spiel ständig weiter wie jetzt durch den forcierten Angriff mit seinem Vorhand-Topspin, zum anderen durch den Wechsel zum Erstligisten Grünwettersbach zur neuen Saison.“

Dazu kommt das richtige Mindset für einen Sportler: Unabhängig vom Spielstand gibt er niemals auf. Entspannt sich sein Gegner und wiegt sich dank einer hohen Führung in vermeintlicher Sicherheit, beginnt gerade dann die Partie für den gebürtigem Karlsruher von Neuem. Nicht immer reicht es am Ende, aber oftmals dreht er ein schon entschieden wirkendes Match. Bei den Westdeutschen Meisterschaften im Januar, dem nordrhein-westfälischen Qualifikationsturnier für die TT-Finals, hatte Bluhm im Viertelfinale gegen Lukas Bosbach, Nummer 45 der deutschen Rangliste und sein Doppelpartner in Erfurt, mit 1:3 in Sätzen und 6:9 im Entscheidungssatz zurückgelegen. Er gewann schließlich in der Verlängerung mit 14:12. Sein Schlüssel zum Erfolg: „Ich habe einfach versucht, immer weiterzukämpfen“, kommentierte Bluhm, für den es nach 2022 der zweite Westdeutsche-Meister-Titel war.

Zwischen Bundesliga und Bildungsauftrag

Die Nummer eins des Zweitligisten 1. FC Köln gehört mit einer 16:11-Bilanz zu den besten Spielern im Unterhaus. Doch konzentriert sich der ehemalige DTTB-Jugend-Kaderakteur nicht nur auf seine Karriere als Spieler. Der studierte Wirtschaftspädagoge verbindet Leistungssport mit Vermittlung. Der B-Lizenz-Inhaber trainiert Privatleute, hält Lehrgänge, begleitet Athletinnen und Athleten zu Turnieren. Im vergangenen Sommer hat er zusätzlich eine halbe Stelle als Nationaltrainer in Luxemburg angetreten, wo er mit seinen Trainerkollegen für Nachwuchs und Erwachsene gleichermaßen zuständig ist.

„Im Jugendbereich haben wir in Luxemburg viele interessante Talente. Diese möchte ich natürlich voranbringen und fördern, sodass wir in Zukunft noch stärker aufgestellt sind“, erklärt Bluhm. „Im Erwachsenenbereich geht es darum, unsere Spitzenspieler fest in den Top 100 der Welt zu etablieren und die zweite Reihe möglichst nahe daran zu führen. Perspektivisch ist natürlich die Teilnahme an Olympia ein großes Ziel für die Luxemburger. Bei all den Zielen versuche ich, meinen Beitrag zu leisten.“

Bluhm könnte auch als Lehrer arbeiten, hat aber die Chance ergriffen „von meinem Hobby zu leben. Das macht mir sehr viel Spaß“. Am Tischtennissport kam er schon als Kind nicht vorbei. Sein Vater ist der ehemalige Bundesligaspieler Matthias Bluhm. Florian stand im Alter von sechs Jahren zum ersten Mal am Tisch. Mit zehn Jahren fragte ihn der baden-württembergische Landestrainer Frank Fürste, ob er nicht mal intensiv die Abwehr trainieren wolle, spielte er doch schon als Offensivkraft lieber fern vom Tisch. Nach vierwöchiger Testphase fiel die Entscheidung für die Defensive. Mit 17 Jahren gehörte er dem C-Kader des DTTB an ebenso wie der gleichaltrige Dang Qiu, heute der beste Deutsche in der Weltrangliste und Einzel-Europameister von 2022. Nach dem Abitur setzte Bluhm zunächst ein Jahr voll auf Tischtennis, doch es lief nicht wie erhofft. Er entschied sich für das Lehramtsstudium an der Uni Stuttgart und plötzlich, als Vollzeitstudent mit Tischtennis nebenbei, zeigte die Formkurve wieder nach oben.

Als Trainer ist er gefragter Sparringspartner

Florian Bluhms Trainingspensum variiert wegen seiner Trainertätigkeiten. „Ich habe unterschiedlich viele Verpflichtungen. Als Trainer spiele ich jedoch auch öfters als Sparringspartner mit. Ich schätze, dass mein durchschnittliches Trainingspensum bei zehn Stunden die Woche liegt“, so Bluhm. „Durch meine Spielweise bin ich auch immer ein gefragter Trainingspartner. Dadurch spiele ich bei meinen Einsätzen als Trainer auch häufiger mit und mache im Einzeltraining nicht so viel am Balleimer. Das ergänzt sich natürlich sehr gut. Dennoch ist es manchmal nicht ganz einfach, sich zu motivieren selbst zu trainieren, wenn man davor schon mehrere Stunden in der Halle als Trainer stand.

Medaillenträume bei den TT-Finals

Sportlich gehört Bluhm zur erweiterten nationalen Spitze. 2022 gewann er Bronze im Herren-Einzel bei den Deutschen Meisterschaften, dazu kommen internationale Medaillen bei den FISU Games, eine Art Olympia der Studierenden, sowie zahlreiche Titel auf Landesebene. Sein aktueller TTR-Wert beträgt 2414. 70 Punkte mehr und er wäre in den Top 10 der deutschen Rangliste.

Bei den Deutschen Tischtennis-Finals in Erfurt hat er drei Chancen auf Edelmetall: neben dem Einzel startet er im Doppel mit Lukas Bosbach und im Mixed mit Baden-Württembergs Landesmeisterin Lea Lachenmayer, die ebenfalls Abwehr spielt. „Eine Zielsetzung im Voraus finde ich immer nicht ganz einfach“, zögert Florian Bluhm. „Viel hängt vom Teilnehmerfeld und der Auslosung ab. Aber grundsätzlich mal will ich mindestens eine K.-o.-Runde gewinnen und ein Platz auf dem Podium, egal in welcher Konkurrenz, wäre natürlich super.“

Ein Stil, der bleibt

Florian Bluhm steht für eine Spielidee, die im modernen Tischtennis selten geworden ist, aber gerade deshalb fasziniert. Seine Abwehr ist kein Relikt, sondern eine bewusste Entscheidung. Gegen Tempo. Für Variation. Für das Spektakel.

Wenn alle nach vorne stürmen, ist er derjenige, der zeigt, wie man von hinten gewinnt. Und genau deshalb lohnt es sich, ihm bei den TT-Finals zuzuschauen.

Steckbrief: Florian Bluhm

  • Alter: 29 Jahre
  • Aktueller Verein: 1. FC Köln (2. Bundesliga)
  • Bisherige Vereine:
    TTC 1950 Forchheim, ASV Grünwettersbach, TTC GW Bad Hamm, SU Neckarsulm
  • Spielsystem: klassische Abwehr

Größte Erfolge

  • 3. Platz Deutsche Meisterschaften Einzel und Mixed 2022
  • 3. Platz FISU Games Team 2018 und 2023
  • Mehrfacher Baden-Württembergischer Meister im Einzel und Doppel
  • Westdeutscher Einzel-Meister 2022 und 2026 (-> nordrhein-westfälischer Landesmeister)
  • Mehrfache Teilnahme an den Deutschen Meisterschaften der Herren (Einzel, Doppel und Mixed)

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Video-Trailer TT-Finals

TT-Finals 2026

Text/Fotos: DTTB Simone Hinz/Manfred Schillings